Ein Almritt ins vorletzte Jahrhundert

Die grüne Hölle ist eh schon eng. Aber an diesem verregneten Samstag hat es sich irgendwer erlaubt, Büsche und Bäume kräftig zu beschneiden und einfach auf dem schmalen Weg liegen zu lassen. Sicherlich hat sich der Förster lieber ein trockenes Plätzchen gesucht, anstatt das meterhoch auftürmende Geäst wegzuräumen. Romy schnaubt empört. Die junge Dame marschiert nicht nur aufgrund ihrer Größe eher ungern durch das Unterholz. Das stolze Kaltblut ist geländesicher, bevorzugt aber die breiten Forstwege. „Dann reit’n mir obi drumher!“ Daniela Brandhofer lenkt ihre junge Stute bergab quer durch den Wald. Als Norddeutsche grübele ich erstmal über die Bedeutung des Wortes „obi“, aber meine Fuchsstute Babett folgt einfach der bunten Herde trittsicher durch den knöcheltiefen Morast abseits des gut ausgebauten Reitwegs in Oberbayern.

Almritt_Beitragsbild

„Ohne ein ordentliches Gwand geht’s heuer net“, gibt Daniela Brandhofer zu. Die erfahrene Trainerin lebt von Pferdezucht, Reitschule und Wanderritten und bewirtschaftet in Irschenberg einen großen Hof mit mehr als 40 Pferden. Geritten wird auch bei Regen, schließlich gibt es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Am frühen Morgen haben wir uns auf ihrem Reiterhof in Irschenberg getroffen und nach einem kurzen Vorreiten geht es los. Ich bin froh, vor einigen Jahren in einen regendichten Wanderreit-Mantel investiert zu haben und lenke meine Fuchsstute Babett in Richtung Wald. Die Truppe könnte nicht bunter sein: Das Pony Marc mit seinem Irokesenschnitt, der blonde Haflinger Charly, der ständig trippelnde Norweger Nemo und meine Stute folgen der großen Kaltblutstute Romy durch die saftigen Wiesen Oberbayerns.

Almritt_Ausblick

Gegen Mittag reißt der Himmel endlich auf. Die Sonne trocknet die welligen Mähnen der Pferde, die Regenmäntel werden in den Satteltaschen verstaut. In der Ferne spießen die ersten Ausläufer der Alpen die verbliebenen Wolkenfetzen auf. Ein letzter Anstieg liegt vor uns und unseren müden Ponys. Steil geht es eine leuchtend grüne Almwiese hinauf zu der urigen Almhütte, die Daniela Brandhofer für diese Wanderritte von ihrem Schwager gemietet hat. Die Pferdeherde wird abgesattelt und grast auf der Koppel rings um die Hütte.

Almritt_Pferdepanorama

Wir bestücken den Grill und genießen die sommerliche Sonne auf einfachen Holzbänken vor der Hütte. Ab und an schaut ein Pony über den angeknabberten Zaun, ob es nicht vielleicht etwas Brot ergattern kann und widmet sich dann wieder den langen Gräsern der Almwiese. Danielas Mann Kaspar packt seine Zither aus und zupft an den zahlreichen Saiten bayrische Volkslieder. Der Hufschmied ist musikalisch und serviert zu späterer Stunde einen selbst gebrannten Obstler.

Almritt_Zither

Später am Abend heizt Daniela die Hütte ein, denn selbst im Sommer wird es hier nachts empfindlich kühl. Es gibt kein Licht, keinen Strom, kein Bad. Aber zahlreiche Kerzen, ein großer Ofen und ein hölzerner, mit kaltem Quellwasser gefüllter Zuber tun es für eine Nacht auch. Wie im vorletzten Jahrhundert verschwinden wir bei Einbruch der Dunkelheit im Matratzenlager.

Almritt_Huette

Am nächsten Morgen weckt mich fröhliches Wiehern. Munter galoppiert die Herde um die Hütte, als dränge sie zum Aufbruch. Daniela Brandhofers fröhlicher Mops hüpft zwischen den Hufen hin und her. Der ungewöhnlich flotte Hund schnappt sich etwas Frühstückswurst und flitzt aufgeregt von einem zum nächsten. „Heute reiten wir eine andere Strecke zurück, wer weiß, ob die grüne Hölle schon wieder frei ist“, entscheidet die Rittmeisterin und lenkt ihre Stute Romy vorsichtig die steile Alm hinab. Am plätschernden Fluss ist der Reitweg in bestem Zustand und im leichten Trab geht es in großem Bogen um die grüne Hölle zurück ins Tal.

Pferderegion Oberbayern-Tirol
Internet: www.pferdegenuss-grenzenlos.de
Historischer Almritt mit Daniela Brandhofer:
Reitanlage Poschanger
Poschanger 1
83737 Irschenberg
Internet: www.reitanlage-poschanger.de
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